„Wir lassen uns den Feminismus nicht wegnehmen“
Interview: Milena Merten
Kristina Lunz, Direktorin des Centre for Feminist Foreign Policy

Kristina Lunz hat in dieser Woche das Centre for Feminist Foreign Policy (CFFP) in Berlin eröffnet. Der gemeinnützige Thinktank setzt sich für eine neue, feministische Perspektive auf die Außen- und Sicherheitspolitik ein. Im Interview erklärt Kristina, warum wir diese Perspektive brauchen.

 

Kristina, warum braucht Deutschland ein Zentrum für feministische Außenpolitik?

Deutschland wird in den kommenden beiden Jahren einen nicht-ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat bekommen und den globalen Kurs der internationalen Sicherheitspolitik mitbestimmen. Wir wollen uns dafür einsetzen, dass Deutschland den feministischen Kurs Schwedens, seines Vorgängers im Sicherheitsrat, fortsetzt.   

 

Was bedeutet denn feministische Außenpolitik?

Der Feminismus setzt sich für die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern ein. Allein in Deutschland sind nur 13,4 Prozent der Botschafter*innen Frauen, das ist weniger als der Durchschnittswert der 50 reichsten Nationen mit 16 Prozent. Für die Außen- und Sicherheitspolitik heißt das zunächst einmal, dass Frauen beteiligt und ihre Anliegen berücksichtigt werden müssen. In Kriegen und Konflikten sind Mädchen und Frauen nachweislich am stärksten von sexualisierter Gewalt betroffen. Trotzdem sitzen in vielen Friedensverhandlungen keine Frauen mit am Tisch.

 

Warum nicht?

In den meisten Ländern sind Frauen eine politische Minderheit, sie werden systematisch unterdrückt. Deshalb werden sie zu solchen Verhandlungen auch nicht eingeladen. Ich habe einige Jahre in Kolumbien gearbeitet. Dort mussten Frauenrechtsorganisationen lange dafür kämpfen, am Friedensprozess teilzunehmen. Im Friedensvertrag wurde schließlich auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Bevölkerungsgruppen eingegangen.

CFFP-Direktorin Kristina Lunz

Kristina Lunz hat beim Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) in Myanmar und in New York gearbeitet. 2016 unterstützte sie die kolumbianische Frauenrechtsorganisation Sisma Mujer während des Friedensprozesses. In Deutschland engagierte sie sich für die „Nein heißt Nein“-Gesetzesänderung und die Kampagne #Ausnahmslos gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus.

 

Foto: Waleria Schüle


Es geht also nicht nur um mehr Repräsentation von Frauen, sondern auch um die Inhalte und bessere Ergebnisse.

Studien zeigen: Wenn Frauen gleichberechtigt an Friedensprozessen beteiligt werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass nachhaltiger Frieden erreicht wird. Und nicht nur in Kriegs- und Krisengebieten gilt: Mehr Gleichberechtigung führt zu weniger Armut, mehr Stabilität und Wirtschaftswachstum. Für die EU hat das European Institute for Gender Equality ausgerechnet, dass mehr Geschlechtergerechtigkeit zu einem deutlichen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf führt.

 

Trotz aller Studien, die positive Effekte von Gleichberechtigung belegen, hat der Feminismus in Deutschland einen schlechten Ruf. Warum ist das so?

Es stimmt, Deutschland ist viel konservativer als beispielsweise die skandinavischen Länder. Wir müssen den Begriff positiv besetzen. Das habe ich in meiner eigenen feministischen Arbeit für die „Nein heißt Nein“-Kampagne gemerkt, bei der wir gefordert haben, dass sexuelle Handlungen gegen den ausdrücklichen Willen des Opfers strafbar sind. Da gab erstaunlicherweise zunächst sehr viel Widerstand.

 

Dabei geht Schweden mit „Ja heißt Ja“ noch viel weiter – Sex ist nur nach ausdrücklicher Einwilligung beider Seiten erlaubt.

Schwedens Ankündigung hat in den deutschen Medien ja zu einem regelrechten Meltdown geführt. „Jetzt ist die Romantik kaputt!“, hieß es. Auch als wir die Gründung des Centre for Feminist Foreign Policy angekündigt haben, hieß es vereinzelt: „Muss das sein? Schießt ihr euch mit dem Begriff Feminismus nicht selbst ins Bein?“ Wir lassen uns den Feminismus aber nicht wegnehmen oder umbesetzen. Es ist der wichtigste und richtigste Begriff für unsere Arbeit. Feminismus ist seit Jahrzehnten eine der erfolgreichsten Bewegungen für soziale Gerechtigkeit und sollte deshalb auch Einzug in die Außenpolitik und Diplomatie finden.