„Wir werden aussehen, funktionieren und uns fühlen wie mit Mitte 20“
Milena Merten & Lilian Fiala

Für die einen ist er ein visionäres Genie, für die anderen ein exzentrischer Größenwahnsinniger: Der Gerontologe Aubrey de Grey hat sich vorgenommen, das Altern zu besiegen. Dazu hat er eine Non-Profit-Organisation gegründet, die Therapien zur Verjüngung des Menschen entwickelt. ada hat den britischen Forscher in seinem Labor in Mountain View besucht und mit ihm über das Altern, eine Welt voller Tausendjähriger und die Kapazitäten unseres Planeten gesprochen.

Gerontologe Aubrey de Grey

Aubrey, Sie haben sich vorgenommen, das Altern zu beenden. Wie wollen Sie das schaffen?

Letztlich ist Altern ja eine Ansammlung von Schäden im Körper. Je mehr Schäden vorhanden sind, desto schlechter funktioniert der Körper physisch und geistig. Wir versuchen, die Schäden zu reparieren, sodass sie keine Krankheiten verursachen. Da der Körper eine sehr komplizierte Maschine ist, gibt es auch sehr viele verschiedene Schäden. Aber die gute Nachricht ist, dass wir all diese Schäden in sieben Kategorien einteilen können. Und wir arbeiten an jeder dieser sieben Kategorien.

Das klingt wie ein Kochrezept: Befolgen Sie sieben Schritte und schon sind Sie unsterblich.

Ganz so einfach ist es nicht. Diese Kategorien müssen nicht nacheinander, sondern parallel erforscht werden. Denn die verschiedenen Schäden, die sie reparieren müssen, häufen sich parallel an. Und wir müssen alle von ihnen beheben, denn jeder dieser Schäden kann uns töten, selbst wenn wir alle anderen vollständig repariert haben.

An welchem Schaden arbeiten Sie aktuell?

Gerade erforschen wir die mitochondriale DNA. Mitochondrien sind ein spezieller Teil der Zelle, der die Chemie der Atmung durchführt: die Kombination von Sauerstoff mit Nährstoffen, um Energie aus Nährstoffen zu extrahieren. Diese Mitochondrien haben eine eigene DNA. Das ist schlecht, denn diese DNA kann sehr leicht beschädigt werden. Deshalb versuchen wir, eine Sicherungskopie dieser DNA in den Zellkern einzubauen, denn dort ist sie viel sicherer. Und wir sind diesem Ziel weitaus näher gekommen als alle anderen, die sich daran versucht haben.

"Ich habe schon immer gewusst, dass das Altern das wichtigste Problem der Menschheit ist."
Aubrey de Grey

Was ist, wenn wir alle Schäden repariert haben: Können wir dann endlos altern?

Ich vergleiche das gerne mit der Lebensspanne einer Maschine: Wir können die Lebensdauer eines Autos verlängern, in dem wir es regelmäßig warten. Wir ersetzen ein paar Teile, wir reparieren ein paar Dinge, wir entfernen den Rost – vielleicht einmal im Jahr, vielleicht alle fünf Jahre, wie auch immer: Im Ergebnis läuft das Auto so lange wir wollen. Genau so können wir die Therapien einsetzen, die wir entwickeln: Wir können jemanden, der 60 oder 70 ist, behandeln und verjüngen, sodass sein biologisches Alter wieder Mitte 20 oder 30 ist.

Lässt sich der menschliche Körper denn wirklich mit einem Auto vergleichen?

Natürlich ist der menschliche Körper viel komplizierter als eine Maschine. Es wird noch dauern, bis wir vergleichbare Eingriffe haben, die beim menschlichen Körper genauso gut funktionieren wie bei einem Auto. Aber es ist nicht unmöglich. Und dann müssen wir uns fragen: Wie bald können wir diese umfassende Therapie-Serie entwickeln und einsetzen? Über die Antwort kann man, wie bei jeder bahnbrechenden neuen Technologie, nur spekulieren. Ich glaube, dass wir zumindest eine 50/50-Chance haben, innerhalb von 20 Jahren an diesen Punkt zu gelangen.

Wie lang könnten wir dann leben?

Langlebigkeit ist nur ein Nebeneffekt von Gesundheit. Wir werden Menschen nicht lange am Leben halten können, wenn sie in einem schlechten gesundheitlichen Zustand sind. Krankheit ist ein Risiko, Punkt. Das wird immer so sein. Deshalb geht es nicht darum, wie alt wir maximal werden können, sondern wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, bald zu sterben. Heute ist es so: Die Wahrscheinlichkeit zu sterben, steigt mit jedem Lebensjahr um zehn Prozent an. Wenn Sie Mitte 20 sind und in der industrialisierten Welt leben, ist Ihre Wahrscheinlichkeit zu sterben sehr gering. Wenn diese Wahrscheinlichkeit konstant bleibt, können Sie ausrechnen, dass die meisten Menschen älter als 1.000 Jahre alt werden, ganz einfach. Aber das ist eine komplett willkürliche und bedeutungslose Rechnung, denn die Todeswahrscheinlichkeit hat ja nicht nur mit dem Altern zu tun. Es besteht ja immer noch das Risiko, von einem Auto überfahren zu werden.

Manche Kollegen werfen Ihnen vor, falsche Hoffnungen zu erwecken.

Anfangs haben mich viele Gerontologen kritisiert, aber das ist quasi Geschichte. Vor 15 Jahren haben die Menschen noch nicht verstanden, wovon ich spreche. Aber nach und nach gab es mehr Verständnis und mehr Dialog. Mittlerweile sind meine Ideen im Mainstream angekommen. Teilweise nehmen die Forscher jetzt sogar meine Ideen von damals und tun so, als seien sie neu.

Wenn wir endlos altern können, bekommen wir irgendwann Platzprobleme auf dem Planeten?

Gerontologe Aubrey de Grey hält solche Überlegungen für Unsinn.

Eigentlich sind Sie aber Informatiker. Wie kam es dazu, dass Sie sich der Altersforschung zugewandt haben?

Ich habe Informatik studiert, aus denselben Gründen, warum ich jetzt das Altern erforsche: aus humanitären Gründen. Ich wusste schon als Kind, dass ich einen Unterschied im Leben der Menschen machen möchte. Und ich habe früh erkannt, dass ich das am besten erreichen kann, wenn ich Wissenschaftler werde. Mit 15 habe ich das Programmieren für mich entdeckt. Das habe ich auf das Problem des Arbeitens angewendet.

Das Problem des Arbeitens?

Menschen verbringen sehr viel Zeit mit Dingen, die sie nicht tun würden, wenn sie dafür nicht bezahlt würden. Das ist ein Problem. Und die Lösung für dieses Problem ist Automatisierung. Deshalb habe ich mich entschieden, künstliche Intelligenz zu entwickeln, damit schlaue Roboter diese Arbeit für uns erledigen können. Nach meinem Studienabschluss arbeitete ich also fünf, sechs Jahre in diesem Bereich, das lief ziemlich gut. Aber dann lernte ich meine damalige Frau, eine Biologin, kennen. Sie war Professorin an der University of California in San Diego und war viel älter als ich. Durch sie habe ich viel über Biologie gelernt. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass sie sich nicht für das Altern interessiert und auch keine der Biologen, die ich durch sie kennengelernt habe. Sie dachten alle, das sei unwichtig. Ich war entsetzt.

Warum?

Ich habe schon immer gewusst, dass das Altern das wichtigste Problem der Menschheit ist, weitaus wichtiger als das Problem des Arbeitens. Ich wusste, dass man das Altern möglicherweise medizinisch behandeln könnte. Was ich nicht wusste, war, dass das außer mir niemand so sah. Alle anderen haben gar nicht daran gedacht, dass das Altern mit einem medizinischen Eingriff behandelt werden könnte. Das ergibt überhaupt keinen Sinn, es ist total verrückt, so zu denken. Aber diese Denkweise war damals beherrschend. Auch heute noch muss ich sehr harte Überzeugungsarbeit leisten, wenn ich auf Bühnen oder vor der Kamera stehe und erkläre, dass es durchaus möglich ist, die Jugend der Menschen zu erhalten, wenn sie altern.  

Das klingt wie das klassische Werbeversprechen von Anti-Aging-Cremes.

Das Problem mit Anti-Aging-Cremes ist: Egal, was sie dem Körper äußerlich auftragen, es ist schwierig zu verbergen, was im Inneren passiert. Der Körper nimmt mehr und mehr Schaden, mit anderen Worten: er altert. Wenn wir es aber schaffen, den Schaden im Inneren zu reparieren, dann ist das Äußere der einfache Part: Wir werden aussehen, uns fühlen und funktionieren wie mit Mitte 20.

"Wir müssen die Tragfähigkeit unseres Planeten schneller erhöhen, als wir die Bevölkerung des Planeten vermehren."
Aubrey de Grey

 Sie haben also beschlossen, den Körper einfach neu zu programmieren.

Nachdem ich mich ein paar Jahre mit dem Altern beschäftigt habe, habe ich gemerkt, dass ich keine Wahl habe. Ich musste das Fach wechseln. Von meiner Forschung zur künstlichen Intelligenz wusste ich, dass ich gut mit schwierigen Problemen arbeiten kann. Und das ist eine Fähigkeit, die sich gut übertragen lässt. Der Wechsel zu einer anderen Disziplin ist gar nicht so schwierig. Tatsächlich bringt er sogar viele Vorteile, denn Sie bringen eine andere Denkweise in das Fach als die Menschen, die sich schon ein Leben lang damit beschäftigen. Ich habe dann einige wichtige Forschungsprojekte vorangetrieben, die gut aufgenommen wurden. Und dann eben einige, die überhaupt nicht gut aufgenommen wurden, weil sie so ketzerisch und neu waren.  

Warum sind Sie so besessen vom Thema Altern?

Was mich morgens aufstehen lässt, ist der humanitäre Imperativ: der Fakt, dass von den mehr als 150-160.000 Todesfällen pro Tag mehr als zwei Drittel an Altersschwäche sterben. Sie sterben an Krankheiten, die vor allem Menschen betreffen, die vor langer Zeit geboren sind. Das bedeutet, sie sterben am Altern. Und das ist nicht gut. Wenn wir das Altern irgendwann besiegen, retten wir 100.000 Leben pro Tag.

Ok, aber lassen Sie uns das mal zu Ende denken: Sagen wir, Sie behalten Recht und wir Menschen können irgendwann unbegrenzt alt werden. Wenn wir uns gleichzeitig weiter vermehren, gäbe es irgendwann zu viele von uns.

Es ist völlig verrückt, sich darüber Sorgen zu machen. Denn es wird keine Tausendjährigen geben, zumindest nicht in den nächsten 900 Jahren. Wir werden lediglich um ein Jahr pro Jahr älter werden. Tatsächlich wissen wir doch noch nicht mal, wie die Welt in 50 Jahren aussehen wird. Um Himmels willen, vor 25 Jahren hatten wir noch nicht einmal das Internet. Wir sollten lieber über Dinge nachdenken, die wir wissen. Wir wissen, dass Menschen nicht gerne krank sind. Und deshalb werden die Menschen glücklicher sein, die Welt wird besser und die Lebensqualität wird höher sein, wenn wir verhindern können, dass die Menschen Alterskrankheiten bekommen.

Wenn wir 1.000 Jahre alt werden und Roboter unsere Jobs erledigen - was fangen wir mit all unserer Zeit an?

Gerontologe Aubrey de Grey glaubt: Wir werden uns schon nicht langweilen.

Stimmt, es ist ziemlich verrückt, sich darüber Gedanken zu machen. Aber Sie wollen mit Ihrer Forschung ewiges Altern ermöglichen, dann ist es doch nur natürlich, über mögliche Konsequenzen nachzudenken.

Oh, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich glaube, dass es für jede bahnbrechende Technologie, ob in der Medizin oder in anderen Bereichen, wichtig ist, über die humanitären und sozialen Konsequenzen ihrer Arbeit nachzudenken. Ich mache das auch, seit ich zu diesem Thema forsche. Es frustriert mich nicht, dass Menschen diese Bedenken äußern und Antworten auf ihre Fragen haben möchten. Aber mich frustriert, dass sie nicht wirklich zuhören, wenn ich sie beantworte.

Wie beantworten Sie denn die Frage nach der möglichen Überbevölkerung?

Wir müssen einfach die Tragfähigkeit unseres Planeten schneller erhöhen, als wir die Bevölkerung des Planeten vermehren. Dann gibt es auch keinerlei Bedarf für eine Bevölkerungskontrolle.

Und wie soll uns das gelingen?

Dafür gibt es zum Glück schon Lösungen: Wir haben erneuerbare Energien, künstliches Fleisch, Meerwasserentsalzungsanlagen – alles Dinge, die das Ausmaß verringern, in dem ein durchschnittlicher Mensch den Planeten verschmutzt. Und so erhöhen wir die Tragfähigkeit des Planeten, die Anzahl der Menschen, die der Planet ohne ein inakzeptables Maß an Umweltbelastung ertragen kann.

Aber selbst dann stoßen wir doch irgendwann an Grenzen?

Vielleicht in 500 Jahren, wenn 50 Milliarden Menschen auf unserem Planeten leben, dann könnten wir Grenzen erreichen, in denen wir das Bevölkerungswachstum verlangsamen müssen, weil wir die Tragfähigkeit des Planeten nicht noch weiter erhöhen können und nicht ins Weltall auswandern wollen. Vielleicht kommt das so, aber wen zur Hölle kümmert das? Lassen Sie uns nicht jetzt über etwas sorgen, das erst in 500 Jahren eintreten könnte. Es gibt genügend dringendere Dinge, um die wir uns jetzt Sorgen machen können. Und außerdem werden uns in 500 Jahren Technologien zur Verfügung stehen, die wir uns jetzt noch gar nicht vorstellen können.