Das Wachstums-Paradox
Autor: Sven Prange
"Es gibt fehlende Wertschätzung für den Beitrag des Silicon Valleys zum weltweiten Wohlstand, weil es einfach keine Instrumente gibt, diesen zu messen"
Googles Chef-Ökonom Val Harian

Im Jahr 2000 machten die Menschen auf der Welt etwa 80 Milliarden Fotos. Weil jedes dieser Bilder 50 Cent kostete, sorgte die Schnappschuss-Sucht der Menschen für 40 Milliarden Dollar Umsatz und leistete damit einen Beitrag zur Wertschöpfung. Im Jahr 2015 machten die Menschen 1,5 Billionen Fotos weltweit. Leider trugen sie damit aber im Prinzip überhaupt nichts mehr zur Wertschöpfung bei. Weil fast alle dieser Fotos, anders als 15 Jahre zuvor, von Smartphones gemacht und nicht mehr ausgedruckt wurden, zahlten die Menschen für ihre Fotos auch direkt nichts. Der Wert tauchte nirgendwo mehr auf, obwohl die Menschen die gleichen Dinge taten, wie 15 Jahre zuvor und ja auch zuvor in teure Smartphones investiert hatten, um die Fotos machen zu können. Die Verdrängung der Fotokamera durch das Smartphone bezahlte die Menschheit also mit einem Rückgang des Brutto-Inlandsproduktes.

 

Aber ist „bezahlen“ wirklich das richtige Wort, nur weil durch die Erfindung des Smartphones der Verkauf von Kameras einbrach? Oder zeigt das Beispiel nicht viel mehr, wie antiquiert unsere westlichen Maßstäbe und Verfahren der Wohlstandsmessung und -bewertung mittlerweile geworden sind?

 

Für eine wachsende Zahl von Ökonomen, die meist nicht im deutschen ökonomischen Mainstream zu verorten sind, ist die Antwort auf diese Fragen klar. „Das Tempo, in dem sich die Welt in den OECD-Ländern wandelt, hinterfragt die Gültigkeit der gängigen statistischen Methoden immer deutlicher“, sagt Diane Coyle. „Statistik ist daran gescheitert, mit dem Tempo des digitalen Fortschritts mitzuhalten“, findet Charlie Bean. Und Googles Chef-Ökonom Val Harian sagt: „Es gibt fehlende Wertschätzung für den Beitrag des Silicon Valleys zum weltweiten Wohlstand, weil es einfach keine Instrumente gibt, diesen zu messen.“ Nun aber zeichnet sich ab, dass Ökonomen – unter anderem einer der Popstars der Digital-Ökonomie, Erik Brynjolfsson – langsam an einem Weg aus dem Problem arbeiten, der insgesamt die Wege unserer Wohlstandsmessung hinterfragt.

 

Viele Erfindungen, kein Wert?

Quelle: MIT

Nun ist Kritik am Bruttoinlandsprodukt nicht neu. Schon seit Jahren gibt es Versuche, die Messziffer für den Wohlstand in der industrialisierten Welt zu hinterfragen. Weil er sich zu weit von der Lebenswirklichkeit der Menschen entfernt habe, weil er keine Nachhaltigkeitskomponenten habe, weil er Faktoren wie menschliches Glück nicht richtig berücksichtige und sozialen Leistungen keinen Wert beimesse. Nie aber wurde das Versagen der gängigen Ermittlung von Wachstum und Wohlstand einer Nation so deutlich wie während der digitalen Transformation von Wirtschaft und Leben. Das zeigt das Foto-Beispiel sehr schön: Digitale Technik führt an vielen Stellen dazu, dass Dinge einfacher werden oder Transaktionen ohne Geld abgewickelt werden. Google verlangt für seine Suche keinen Cent sondern Daten, ebenso Facebook für die Offerierung seiner Plattform für soziale Interaktion. Wikipedia stellt sein Wissen gegen Mitmach-Leistungen zur Verfügung. All das findet also in der Ermittlung von Wachstum und wirtschaftlicher Lage kaum statt.

 

Warum das alles wichtig ist

 

Das ist wichtig, weil viele wesentliche Entscheidungen unseres wirtschaftlichen und sozialen Miteinanders auf dem BIP beruhen. Wer höhere Löhne fordert, begründet dies meist mit der Entwicklung des BIP, wichtige soziale Zahlungen wie die Erhöhung der Renten, der Hartz IV-Sätze oder des Mindestlohns hängen indirekt an der Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung, die wiederum komplett auf dem BIP beruht. 

 

Wenn dieses BIP aber nun eine Zahl ist, die von der Realität kaum gedeckt wird, führt das zu vielerlei Problemen. So gründet etwa auch der Furor von US-Präsident Donald Trump gegen die angebliche Ausbeutung der USA durch Freihandelsverträge mit Europa darauf, dass in den Statistiken kaum digitale Güter vorkommen. Würde man diese etwa bei der Berechnung des Austauschs der Waren zwischen Europa und Amerika berücksichtigen, und nicht nur die alten Industrie-Werte, dann sähe das Handelsdefizit zwischen beiden Wirtschaftsräumen genau umgekehrt aus, als von Trump behauptet.

 

Auch bei der Bemessung, um wie viel eine Volkswirtschaft pro Jahr produktiver wird, führt das zu Verzerrungen. Einfach, weil auch hier bisher kein Weg gefunden wurde, die nicht direkt durch Geld gehandelten Transaktionen digitaler Wirtschaft zu bemessen. „Das Computerzeitalter hat überall seine Spuren hinterlassen –außer in der Produktivitätsstatistik“, sagt der Ökonom Robert Solow. Sein Kollege Robert Gordon hat sich deswegen bereits festgelegt: „Die dritte Industrielle Revolution erreicht nicht das Ausmaß an innovatorischen Aktivitäten im Vergleich zur zweiten industriellen Revolution.“

"Das Computerzeitalter hat überall seine Spuren hinterlassen –außer in der Produktivitätsstatistik"
Ökonom Robert Solow

Der Plan B

 

Das aber wollen nicht nur Silicon-Valley-Manager so nicht hinnehmen. Deswegen arbeitet die Ökonomen-Zunft an Auswegen aus dem Problem. Brynjolffson und seine Mitstreiter schlagen einen erneuerten BIP-Begriff vor: Das BIP-B. In einem ersten Schritt wollen sie das klassische BIP um solche Werte ergänzen, die durch digitale und nicht-geldlich gehandelte Leistungen entstehen. In einem zweiten Schritt schauen, welche weiteren Werte womöglich hinzugehören.

 

Das ist nicht der einzige Versuch, die Macht des BIP zu brechen oder zumindest den Wert des  Produktivitätsfortschritts, der eng mit der Ermittlung des BIP verbunden ist, zu relativieren.

Seit Jahrzehnten gibt es verschiedene Alternativen. Die UNO veröffentlicht einen Index für menschliche Entwicklung, der Bildung und Lebenserwartung sowie das nationale Einkommen misst. Das World Economic Forum hat kürzlich damit begonnen, einen inklusiven Entwicklungsindex zu entwickeln, der Armut, Staatsverschuldung, mittleres Einkommen und Vermögensungleichheit unter vielen anderen Kennzahlen berücksichtigt. Die Weltbank misst eher Vermögen als Einkommen. Das mittlere Einkommen, eine Messung des Wohlstands oder das Nettoinlandsprodukt erscheinen alle als relativ praktikable Alternativen. Das Problem bei vielen von ihnen ist, dass sie Werturteile darüber benötigen, was ein- oder ausgeschlossen werden soll.


Das BIP-B ist nun so sinnvoll, weil es vor allem digitale Güter und Dienstleistungen berücksichtigen könnte. Vielleicht würde aber auch ein weiterer Schritt das Problem mit den BIP- und Produktivitätszahlen lösen: Sie einfach nicht so ernst nehmen. Die digitale Wirtschaft, die nachhaltig wachsen muss, würde besser durch mehrere gleichwertige Kennzahlen zur Messung des Fortschritts bedient. Aber der Reiz des BIP ist, dass es eine einzige Zahl ist.
Solange keine Alternative gefunden werden kann, die solche einfachen und stabilen internationalen Vergleiche ermöglicht, wird das BIP weiterhin das wichtigste Kriterium für wirtschaftliche Kennzahlen bleiben. Es sei denn, das BIP-B setzt sich durch.